
Ein Wort vorab
An der Westküste lernen wir ein Paar kennen, das uns mitteilt, dass es zum letzten Mal auf Sardinien sein wird. Nirgends wäre es möglich, freizustehen – ganz anders, als es in den unzähligen YouTube-Videos propagiert wird.
Also ist Sardinien kein Freisteher-Paradies?
Nein, beziehungsweise nicht mehr. Vor 15 Jahren, bei unseren ersten Reisen auf die Insel, war es kein Problem. Heute, aufgrund der Massen an Womo-Touris, schon. Es sind zu viele geworden und werden langsam, aber sicher, zum Feindbild der Sarden. Denn nicht alle Einheimischen partizipieren vom Tourismus, sollen es aber ertragen, wenn plötzlich auf ihren Grundstücken fremde Menschen mit ihren Vans, Wohnmobilen und Pickup-Campern Urlaub machen, ihren Müll liegen lassen, in den Büschen ihre Geschäfte verrichten oder gar ihre Chemietoiletten oder ihr Grauwasser dort entleeren.
Wildcampen ist auf Sardinien verboten. Punkt.
Legge Regionale Nr. 16/2017, Artikel 22
"Su tutto il territorio regionale è vietato il campeggio con tende, caravan, autocaravan, camper o altri simili mezzi di pernottamento mobili al di fuori delle strutture ricettive all'aria aperta e delle aree di sosta temporanea autorizzate.
Das heißt: „Auf dem gesamten Regionalgebiet ist das Campen mit Zelten, Wohnwagen, Reisemobilen, Campern oder ähnlichen mobilen Übernachtungsmitteln außerhalb von Beherbergungsbetrieben im Freien [offiziellen Campingplätzen] und genehmigten temporären Rastplätzen verboten.“
Allerdings steht auch in der Straßenverkehrsordnung (Codice della Strada) Folgendes:
Artikel 185, Absatz 2 (D. Lgs. 285/1992) regelt auf nationaler Ebene, unter welchen Bedingungen das Parken von Wohnmobilen („Sosta“) als solches erlaubt ist und nicht als illegales Campen gilt. Parken ist demnach zulässig, solange das Fahrzeug den Boden nur mit den Rädern berührt, keine Abwässer oder Emissionen (außer dem Antrieb) abgibt und die Straßenfläche nicht über die eigenen Maße hinaus beansprucht.
Das heißt: kein Campen, sondern nur Parken und nur da, wo es erlaubt ist. Selbst das Ausfahren der Treppenstufen kann als Campen gewertet werden.
Dieser Artikel wird gerne von Campern gedehnt und als Diskussionsgrundlage genutzt. Funktioniert aber nicht immer.
Dass das Wildcampen in der Nachsaison gerne geduldet wird, ist ein Mythos, der gerne erzählt wird.
Auch dann ist Wildcampen auf Sardinien verboten. Punkt.
Das Gesetz kennt keine Vor- und Nachsaison.
Du fährst fünfmal bei Rot über die Ampel, beim sechsten Mal wirst du erwischt und musst zahlen.
Kann man dann sagen, dass vorher das Überfahren bei Rot über die Ampel fünfmal toleriert wurde?
Würde ich so nicht formulieren. Ich würde sagen: Glück gehabt. Nicht erwischt worden.
Es wird Polizisten geben, denen es ganz egal ist, ob da nun ein Womo steht oder nicht, und welche die den Aufwand scheuen, ein Ticket auszustellen. Es wird aber auch Polizisten geben, denen es eine Freude ist, wieder einen Wildcamper erwischt zu haben.
Auch in der Nachsaison.
Auf die Aussagen von Influencern, dass die Nachsaison ein Freifahrtschein für Wildcampen ist, würde ich mich nicht verlassen.
Reisen in der Nachsaison
Wann ist die eigentlich? Das junge Pärchen glaubte im September. So wie wir es auch bislang kennen. Auch dieses alte Schema „nach den Sommerferien“ gehört der Vergangenheit an. Der September ist mittlerweile sehr stark gebucht, an der Ostküste geht Campen an den bekannten Plätzen fast nur mit Voranmeldung.
Was uns auch nicht bewusst war: Die Schweiz hat schon im September Herbstferien. Also würde ich von einer Nachsaison erst nach den Herbstferien sprechen. Viele Campinganlagen und entsprechende andere Infrastrukturen werden aber dann schon geschlossen sein.
Wir haben uns angewöhnt, neben den Camping- und Stellplätzen auch Agriturismo zu besuchen. So profitieren auch die Bauern vom Tourismus und entspannt vielleicht die Stimmung gegenüber den Massen an Campern. Mittlerweile gibt es tolle Spots. Man muss nur ein bisschen suchen und nicht die Tipps aus dem Reiseführer nehmen, den alle lesen. Die Top-Highlights aus Instagram und YouTube sind auch im September überfüllt. Manch andere Strände und Campingplätze sind menschenleer …
Die Anreise
Für uns ist der Weg mit einer Zwischenübernachtung im Breisgau nach Livorno der entspannteste Weg, zur Fähre zu reisen. Man hat ausreichend Zeitpuffer und gerät nicht unter Zeitdruck, wenn es unterwegs doch einmal irgendwo klemmt.

Mobylines
Vorbei die Zeiten der alten „Seelenverkäufer“.
Die Moby Legacy und die Moby Fantasy pendeln täglich zwischen Livorno und Olbia und versprühen eher einen Hauch von Kreuzfahrt als von klassischer Fährfahrt.
Die beiden Schiffe gehören zu den größten und umweltfreundlicheren Fähren der Welt.
Auch das Einchecken und Parken an Bord läuft völlig entspannt. Kein hektisches Rangieren, kein Stress. Einfach rein, parken und ab in Richtung Sardinien. Die Decknummer und den Stellplatz des eigenen Fahrzeugs gut merken. Sonst kann die Suche nach dem eigenen Pickup schnell aufregend werden.
Ärgerlich: Man fährt auf einer supermodernen Fähre, aber die Küche und der unfreundliche, dauergenervte Service sind nach wie vor unverändert schlecht. 54 € für 2 Hamburger mit ausgetrocknetem Fleischpaddy und ein paar lamelligen Fritten sind schon eine Frechheit. Für ein Tütchen Ketchup sollte dann noch extra bezahlt werden. Das Salz war aber kostenlos. :-) Mittlerweile muss man an Displaystationen wie bei den Fastfoodketten sein Essen vorbestellen. Bei der Rückfahrt zum Frühstück wollen dann gefühlt alle 3000 Passagiere an 4 Displays ihr Frühstück bestellen und bezahlen. Das Chaos ist vorprogrammiert. Wer denkt sich so einen Unsinn aus? Hier sollte Mobyline noch mal intensiv in sich gehen, ob das nicht qualitativ besser und freundlicher geht. Der schlechte und dafür überteuerte Service passt nicht zum Rest des Schiffs.



La Maddalena
Nach der Fähre ist vor der Fähre. Es geht ohne Unterbrechung weiter. Wir fahren in der Abendsonne weiter nach Palau.
Mit dem letzten Abendlicht geht es von Sardinien rüber nach La Maddalena. Fähre erwischt, erste Meerluft eingeatmet. Mit uns wollen nur noch ein Sprinter und ein Defender mit zur kleinen Insel. Das überrascht uns.


Hier bleiben wir die ersten Nächte und kommen erst einmal zur Ruhe. Auf Maddalena und Caprera findet man die schönsten Strände im Mittelmeer. Und wenn man etwas sucht, auch nicht komplett überlaufen. Man darf nur nicht den Tipps der Reiseführer folgen.


















Agriturismo Lerno
Im Landesinneren finden wir in völliger Abgeschiedenheit den Agriturismo Lerno mit seinen sehr netten Besitzern. Hier darf man in erster Reihe am Wasser stehen, wenn man möchte. Und sardische Küche vom Feinsten genießen. Wir verbringen einen netten Abend mit weiteren Gästen.

Auf Facebook wurde ich mehrfach angeschrieben und gefragt, was man denn da wollte.
Meine Antwort: N I C H T S.
Wer es nicht schafft, einen Tag ohne Animation, Action und Belustigung auszukommen, sollte hier nicht hinkommen. Hier gibt es nichts zu tun. Nennt man auch Außenreizentzug. Hier gibt es nur Stille und Natur. Lesen, spazieren gehen, Tiere beobachten, die Landschaft bestaunen. Für manche anscheinend nur noch schwer zu ertragen. Für uns eine Wohltat.




Alghero
Kontrastprogramm – von der Einsamkeit zurück in den Trubel. Ohne der schönen Stadt Alghero einen Besuch abzustatten, fahren wir nicht nach Sardinien. Schon oft drüber berichtet, deshalb in diesem Bericht nur wenige Bilder. Man steht am Campingplatz Laguna/Fertilla sehr schön an einem See. (Stagno di Calich) Mittlerweile ist der Platz mit einer großen Poolanlage ausgestattet. (Allerdings Badekappenpflicht wie überall in Italien …) Mit dem Bus kann man dann bequem in die Stadt fahren (5–6 km). Zum Bummeln, Shoppen, Essen und Sundowner genießen. Wer die Gegend noch nicht kennt, kann von hier aus auch die Grotta di Nettuno mit einem Boot entdecken.



Da wir Alghero auswendig kennen, ziehen wir am nächsten Tag weiter.
Küstenstraße SP 105 / SP 49
Von Alghero kommend fahren wir die herrliche Strada Panoramica Alghero-Bosa. Sie heißt offiziell SP 105 und dann später SP 49. Eine der eindrucksvollsten Küstenstraßen auf Sardinien. Und wer Bosa nicht kennt, sollte hier auf jeden Fall einen Stopp machen.

Wir ziehen weiter zu einem unserer Lieblingsplätze.
Mari Ermi
Mari Ermi auf der Sinis-Halbinsel an Sardiniens Westküste ist ein außergewöhnlicher Naturstrand mit türkisblauem Wasser und weißlich schimmerndem Quarzsand, dessen kleine Körner an Reiskörner erinnern. Hinter dem kilometerlangen Strand liegen Dünen und eine Lagune, in der sich mit etwas Glück Flamingos beobachten lassen. Da der Strand dem Mistral ausgesetzt ist, kommen auch Wind- und Kitesurfer auf ihre Kosten. Parkplätze und kleine Strandbars sind vorhanden. Wichtig: Das Sammeln und Mitnehmen des besonderen Quarzsandes ist streng verboten.
Eine sardische Familie hat die Chance genutzt und auf ihren Flächen am Meer Stellplätze geschaffen. Aus dem einsamen Geheimtipp vor 10 Jahren ist ein stark besuchter Lieblingsplatz geworden. Etwas weiter gibt es noch legale Stellplätze für Surfer und ein paar gern genutzte, illegale Wildcamper-Flächen.



Die Sanitäranlagen regen zum Schmunzeln an. Aber braucht man mehr? Für uns ist es ausreichend. Zumal wir unser WC an Bord haben.









Gaia di Gisturi

Die Giara di Gesturi ist eine weitläufige Basalthochfläche im Herzen Sardiniens. Auf rund 550 Metern Höhe erstreckt sich das nahezu ebene Plateau über eine Fläche von 43 km². Es ist etwa 12 Kilometer lang und durchschnittlich 5 Kilometer breit. Die Hochfläche liegt nahe dem Ort Gesturi und bildet die natürliche Grenze zwischen den Landschaften Marmilla und Sarcidano.
Wir parken am Besucherzentrum. Von dort starten mehrere einfache Pfade.
Centro Visite – Punto Ristoro – Parco della Giara / Madau – Giara, Loc., 09040 Tuili VS, Italien
Schon nach wenigen Minuten auf dem Hochplateau Giara di Gesturi wirkt die Landschaft ursprünglicher. Schmale Pfade führen durch knorrige Korkeichenwälder und über weite Grasflächen, immer wieder vorbei an kleinen, größtenteils ausgetrockneten Wasserbecken, an denen sich die Pferde gerne aufhalten. Hier leben die berühmten Cavallini della Giara, eine seltene sardische Pferderasse, die mit gerade einmal 120 bis 130 Zentimetern Stockmaß eher Ponys gleicht und seit Jahrhunderten frei auf dem Plateau lebt. Eine spannende Wanderung, denn es ist nicht immer gegeben, dass man Pferde entdeckt.
Plötzlich tauchen zwischen der Macchia ein paar Tiere der weltweit einmaligen Rasse auf. Die Pferde grasen friedlich, ziehen weiter und verschwinden ebenso schnell wieder im dichten Bewuchs.
Auch wenn ich mit Pferden eigentlich so wenig zu tun habe wie ein Goldfisch mit einem Klettergarten – und mich zusätzlich eine Pferdehaarallergie begleitet – war es trotzdem ein spannendes, berührendes, und einmaliges Erlebnis.





Helgas Agritourismo
Zum Abschluss der Reise wollen wir an die Ostküste, um noch ein paar Tage zu entspannen. Vorher machen wir Station auf Helgas Agritourismo irgendwo mitten in den Bergen. Über einspurige Pisten fahren wir Stunde um Stunde. Daher noch mal der Hinweis: Man sollte nicht glauben, in den Bergen Sardiniens „mal eben“ irgendwo hinzufahren oder gar auf „die Schnelle“ die Küstenseite zu wechseln. Mehr als 30 Kilometer in der Stunde sind nicht drin.

Das Helga’s Agricampeggio liegt nahe dem kleinen Bergdorf Seulo im Herzen der sardischen Barbagia, einer ursprünglichen und touristisch wenig erschlossenen Bergregion. Der kleine Campingplatz bietet Stellplätze für Wohnmobile, Zelte und Fahrzeuge mit Dachzelt sowie kleine Ferienhäuser und Bungalows. Ein Pool sorgt für Erfrischung, wobei es in den Bergen Ende September zum Baden ganz schön frisch war. Da ist man an der Küste besser aufgehoben. Umgeben von Wäldern, imposanten Schluchten und Flusslandschaften ist der Platz ein guter Ausgangspunkt, um das ursprüngliche Sardinien abseits der bekannten Touristenrouten kennenzulernen.


Camping Ermosa
An der Ostküste fahren wir wieder einmal einen unserer Lieblingsplätze an. Und wundern uns wie voll er ende September noch ist. Wir bekommen einen der letzten Plätze. Trotzdem herrscht hier eine ruhige Atmosphäre. Die Berge im Rücken sorgen für eine traumhafte Kulisse.

Über eine Holzbrücke gelangt man zum herrlichen Strand und man findet auch hier wieder einsame Plätze zum entspannen, sonnen, schwimmen , lesen, Musik hören.



Fußläufig erreicht man vom Camping die kleine Trattoria Marco & Caterina. Unscheinbar an der Hauptstraße gelegen , aber mit hervorragender Küche.

Warten auf die Fähre
Wie immer genießen wir die letzten Stunden am Meer unweit von Olbia. Bis die Sonne hinter den Bergen versinkt, um dann die Nachtfähre mit Kabine Richtung Livorno zu nehmen.






Letzer Stopp -Lago Maggiore
Wie immer teilen wir die Strecke von Livorno bis nach Hause. Wir stoppen in Canobbio am Camping Rivera. Fußläufig sind es ein paar Minuten zur herrlichen Altstadt. Dort bummeln wir und genießen den Abend mit einer letzten Portion Spaghetti Scoglio. So bleiben am nächsten Tag nur noch 700 Kilometer durch die Schweiz, bis wir nach insgesamt 2700 km wieder in der Heimat ankommen.


Sardinien ohne Ende
Wer mit dem Gedanken spielt nach Sardinien zu reisen, findet auf meiner Seite noch jede Menge Infos zu Stellplätzen , Touren, Wanderungen und vielem mehr !
Und immer wieder Sardinien 2023
Beachhopping mit dem Pickup Camper auf Sardinien 2022
9 Tipps zur Highlight Tour 2019 (Bericht)
Sardinien Trailer 2018 (Video)
Sardinien Zusammenschnitt aus 2016/2018 (Video)
Sardinien 2019 (Video)
Sardinien Teil I: Die Anfahrt (Bericht)
Sardinien Teil II : Der Norden (Bericht)
Sardinien Teil III : Die Westküste (Bericht)
Sardinien Teil IV : Offroad an der Süd-West Küste (Bericht)
Sardinien Teil V : Offroad und Wandern an der Ostküste (Bericht)