Mit der Tischer-Box in 17 Tagen rund um Deutschland

Ein deutscher Roadtrip entlang der Innengrenze

In 80 Tagen um die Welt? Das konnte schon Jules Vernes um 1870. Zumindest in seinem Roman. Aber in 17 Tagen rundum Deutschland. Das können Silvia und Detlev im Jahr 2021 in ihrer Tischer Kabine. Die Idee finde ich klasse: Es muss nicht immer die weite Reise in ferne Länder sein! Deutschland entgegen des Uhrzeigersinns an der Inneren Grenze zu bereisen, ist sicher genau so spannend. Eine tolle Idee, die Silvia und Detlef konsequent umgesetzt haben. Ihr Facebook, YT Kanal und Instagram Kanal nennt sich „Itchy feet“. Das heißt übersetzt „Juckende Füße“. Damit ist natürlich kein Fußpilz gemeint, sondern der Drang immer wieder auf Tour zu gehen oder einfacher gesagt: Permanentes Fernweh!

„Deutschland hat auch schöne Ecken!“

Diesen Spruch habe ich in den letzten Wochen öfters von Reisenden gehört, die ihre geplante Auslandsreise nicht antreten konnten und nun innerhalb Deutschland ihren Urlaub verbringen. Das dieser Spruch nicht nur eine Floskel ist, beweisen uns die Beiden.

Wie es ihnen bei ihrer Deutschlandrunde ergangen ist, haben die beiden im Tagebuch, vielen Bilder und kleinen YouTube Videos festgehalten. Daraus ist dann ein Multimedia Beitrag entstanden. Gerade in der aktuellen, Corona bedingten, schwierigen Reisesituation eine tolle Alternative zu den Reisen ins Ausland.

Ein Tour zum Nach(machen)fahren! Los geht´s!

Alle Rechte der folgenden Bilder und Texte liegen bei Sylvia und Detlev Bauer.Zur Info: Die roten Punkte auf den Landkarten zeigen keine Stellplätze sondern dienen nur zur ungefähren Übersicht des Tourverlaufs!
Die Idee

Das Urlaubszeitfenster stand: 17 Tage im Mai und keiner mehr. Kollege SARS-CoV-2 machte Auslandsreisen zum Lotteriespiel, und so kam die Entscheidung spontan aus der Not: Wir erkunden unser eigenes Land bis in den hintersten Winkel. Einmal rum, so dicht wie möglich an den Nachbargrenzen entlang. Autobahn vermeiden, möglichst auf wenig befahrenen Sträßchen durch die kleinen Dörfer der Provinz. Eckpunkte sollten die 4 äußersten Zipfel Deutschlands sein, um den größtmöglichen Durchmesser des Rundkurses zu zementieren.

Die Reisenden und ihr Auto

Sylvia und Detlef aus dem Westerwald. Wir sind Autoreisende aus Fleisch und Blut, von der ersten Stunde an. Erst die Ente, dann ein Kombi, danach der Urvater aller heutigen Vans, der Espace. Es folgten zwei VW Bullis mit Aufstelldach und ein Renault-Kastenwagen mit Pösslausbau, bis wir uns vor wenigen Jahren den Traum vom Pickup mit Wohnkabine erfüllten.

Eine Tischer Box 200 gepaart mit einem Ford Ranger – Diese Kombi erlaubt uns, wenn abends der Keine-Lust-mehr-Faktor ins Spiel kommt, unabhängig von allen Corona-Restriktionen die Nacht zu verbringen. Die 2-Meter-Absetzkabine sitzt kompakt ohne großen Überhang hinten drauf, und wir haben Gaskocher, Kanisterwasser, Kühlschrank, Heizung, Klo und Solarstrom an Bord. Autark also, aber nur das Nötigste, um eine Komfortstufe über Dachzelt reisen zu können.

(Weitere Infos zu den Kabinen von der Firma Tischer Freizeitfahrzeuge gibt es im Beitrag. Willkommen bei Tischer!)

Die Planung

Ein wenig Mathematik: 360° an der deutschen Innengrenze entlang ergeben überschlägig 4300 Kilometer. Geteilt durch 17 macht gerundet 250 Kilometer pro Tag. Für den durchschnittlich plattgesessenen Fahrersitzhintern sollte das ohne Stress möglich sein. Abweichungen von der ursprünglichen Idee: Einzelne Autobahnabschnitte zur Überbrückung von a) langweiligen Grenzregionen oder b) allzu weiten Schleifen der Grenzführung erschienen unvermeidbar.

Und Meckpomm klammerten wir komplett aus, da die dortige Exekutive ein striktes landesweites Einreiseverbot für nicht Sesshafte überwachte. Die A20 hätten wir zwar zum Transit Richtung West befahren dürfen, aber das wäre unserem Reisegedanken nicht gerecht geworden. Auch nicht der Schönheit des Landes, die man so ohne links und rechts zu blicken kilometermäßig nur abgehakt hätte. Also bekam unser Kreis eher die Form einer Kartoffel, was dem grundsätzlichen Vorhaben aber nicht schadete.

Die Ausführung

Bis zuletzt hielten wir die Fahrtrichtung links/rechtsherum offen. Grund: das Wetter. Es gibt auch keine Präferenz für das Eine oder Andere, man entscheidet einfach nach persönlicher Vorliebe. Bei uns eben das bessere Wetter, und das versprach beim Start für die folgenden Tage im Schwarzwald bis 8°C mehr als in Ostfriesland. Damit war die Richtung klar, der Rest sollte sich ergeben. Genau das ist die einzig vernünftige Herangehensweise an ein solches Projekt – soll sich halt ergeben.

Nur wer sich auf den Zufall einlässt, der von der ersten Minute das Geschehen lenkt, erfährt jeden Tag Überraschungen, die sich nicht planen lassen. Genau die sind aber das Salz in der Suppe. Sicher kannst du dir vornehmen, Kurs auf die Saarschleife bei Mettlach zu nehmen, weil du da schon immer hin wolltest. Aber es kann passieren, dass die Uferbummelei am Fluss entlang bei sonnigstem Wetter viel herrlicher als gedacht ist, während oben am Aussichtspunkt der Saarschleife ein Riesenauflauf die leise Andächtigkeit des Moments verhindert. Jeder Kilometer ist hinterher anders als in der Vorstellung. Alles kann, nichts muss. Treiben lassen, nach dieser Devise fahren wir unseren Kurs. Und die Spannung beginnt jeden Morgen mit dem Gedanken, wo um Himmels willen man abends zum Schlafen landen wird. Ein tolles Gefühl von Freiheit und Abenteuer.

Spannend auch die Kursvariationen, diktiert vom Umstand, dass überall in der Republik am Straßenbelag geflickt wird. Kilometerlange Umleitungen sind die Folge – bestenfalls nur zeitraubend, oft genug aber machen sie das Durchfahren hässlicher Vororte und Industrieviertel nötig. Schlimmstenfalls verhindern solche Barrieren sogar den Besuch des eigentlich anvisierten Highlights, womit die spektakulären Wasserfälle endgültig aus dem Roadbook flogen. Umgekehrt galt aber auch: Das schöne Seeufersträßchen mit den rosa Kirschblüten wären wir nie gefahren, wenn…

Noch ein Wort zu den 4 Zipfeln. West und Ost wären mit dem Ortsteil Isenbruch im Selfkant und der Gemeinde Neißeaue bei Görlitz die Eckpunkte mit den Original-Koordinaten. Das ließ sich mit dem Nordzipfel in List auf Sylt natürlich nicht machen, weil wir uns die zeitaufwendige Bahnfahrt auf die Insel sparen wollten. Also drehten wir vor dem dänischen Schlagbaum bei Rodenäs zwischen drei Gehöften bei und erreichten so mit den nördlichsten Punkt des deutschen Festlands unseren persönlichen Nordzipfel. Auch schön, vor allem die Schafe. Menschen gibts dort weniger.

Anders der Südzipfel bei Oberstdorf. Im dicksten Tumult erreichten wir dort nur den Parkplatz am Freibergsee im Süden der Stadt, der dann auch unseren persönlichen Südzipfel markieren sollte. Uns fehlte es einfach an Zeit, Kondition und Willen, um den Weg zum Haldenwanger Eck zu finden, dem Original-Südzipfel. Der Aufstieg zum Unteren Gaisalpsee verlangte uns nämlich schon alle Körner ab.

Stage I

349 km – Missmutig fahren wir zu Hause (Westerwald) los, bei 6°C und Regen. Sonnig wird es erst bei Trier. Zuerst fahren wir ein Stück an der Mosel entlang, dann wechseln wir rüber zur Saar. Der Blick auf die Saarschleife bei Mettlach ist unser 1. Highlight!  Der Baumwipfel Pfad ist leider geschlossen. So können wir ihn nur von unten bewundern. Zum Übernachten fahren wir auf einen Parkplatz im Mandelbachtal und lassen dort unseren 31. Hochzeitstag mit einem Gläschen Sekt ausklingen. Ein sehr schöner 1. Tag. so kann es weiter gehen!

Stage II

304 km – Holterdiepolter geht’s weiter auf kleinen Sträßchen, ganz nah an der französischen Grenze entlang. Stellenweise ist die Straße gleichzeitig die Grenze. Der Altschlossfelsen ist unser 2. Highlight. Riesige rote Felsen türmen sich vor uns auf. Gigantisch! Viele Franzosen kommen zu Fuß über den Bach über die Grenze. Bei Berg setzen wir mit der Fähre über den Rhein. Fähre fahren ist wie Urlaub:-). Danach heizen wir durch den Schwarzwald und finden keinen Platz. Kurz vor Sonnenuntergang halten wir in einer Straßenkehre.

Stage III

320 km Wir verlassen unseren Übernachtungsplatz in einer Straßenkehre im Schwarzwald und fahren hoch auf den Kandel. Auf 1234 m Höhe liegt noch ein Rest Schnee. Bei 24°C picknicken wir in der Sonne. Um 13:30 Uhr geht’s bis Gailing am Rhein an der Schweizer Grenze. Es ist schön dort, gefällt uns sehr gut, aber der Wohnmobilstellplatz ist leider noch geschlossen. Also heizen wir weiter am Bodensee entlang. Bis keine Ahnung wohin…? Irgendwie gibt es keine Parkplätze mehr! Alle ausradiert! Am Eistobel endlich halten wir an und bewundern die die sauberen Toiletten auf einem öffentlichen Parkplatz. 

Südschwarzwald

Stage IV

194 km – Ganz früh morgens brechen wir auf Richtung Christlesee, unserem südlichsten Punkt in Deutschland. Da die Straße dorthin gesperrt ist, kommen wir nur bis Oberstdorf und machen die Wanderung zum Gaisalpsee hinauf. Somit ist dies unser südlichster Punkt. Die Wanderung ist toll, aber auch extrem anstrengend. 900 Höhenmeter müssen erklommen werden! Nachmittags fahren wir weiter zum Walchensee in die bayerische Karibik zum Chillen und von dort abends zum Wohnmobilstellplatz am Sylvensteinspeicher in „Kanada“. Was für ein Tag!

Karibik Feeling bei 26 Grad Übernachtung am Sylvensteinspeicher

Stage V

209 km – Wir übernachten unter hohen Bäumen am Sylvensteinspeicher. Es gefällt uns gut dort und deshalb stört es uns auch nicht, dass die Toiletten saudreckig sind und keine Entsorgung möglich ist. Der Platz ist schön. Gegen Mittag erreichen wir den Tatzelwurm-Wasserfall. Nur 10 Min. zu Fuß entfernt vom Parkplatz. Der Wasserfall sieht hübsch und aufgeräumt aus. Ein schönes Insta-Motiv. Dass es auch anders geht, erleben wir 2 Tage später. Weiter geht’s über kleine Sträßchen, wie immer. Als Nächstes geraten wir in ein Krötenwanderungsgebiet südlich der Chiemgauer Alpen. Hier wird ab 20:00 Uhr die Straße gesperrt. als ob wir nicht sowieso schon Ausgangssperre hätten! Hier darf man wirklich gar nichts mehr, geschweige denn übernachten! Also ab auf den nächsten Autobahnparkplatz zu Übernachten. Hat durchaus Vorteile. Nicht zuletzt die Mülleimer. Was für ein Tag! Aber das sagen wir eigentlich jeden Abend…

Stage VI

293 km – Heute schüttet es wie aus Eimern! Wir fahren durch das verregnete Passau. 2 Wohnmobilstellplätze sind geöffnet. Aber wir wollen uns nicht schon mittags im Regen dort einnisten. Also weiter. Schade! Wir fahren auch am Lusen vorbei, der wegen Corona geschlossen ist. Dann müssen wir wenigstens nicht überlegen, ob wir da im Regen hinauf wandern. Weiter geht’s durch den verregneten Bayerischen Wald. Bis zum Drachensee.

Stage VII

386 km – Der Drachensee ist optisch nett, schön…aber nicht soo besonders. Aber nachts wird es von der Geräuschkulisse her irgendwie exotisch. wir lauschen den Tönen von Enten und Schwänen, vielleicht auch Nilgänsen? keine Ahnung, aber schön ist dieses Konzert auf jeden Fall! Entlang der tschechischen Grenze gelangen wir zum Mittelpunkt Mitteleuropas. Und weiter. Am Blauenthal-Wasserfallsteigen wir aus und gucken uns bei strömendem Regen einen Wasserfall an. Das hatten wir auch noch nicht. Ein tolles Schauspiel, wie braune Schlammmassen den Berg herunter schwallen! Danach geht’s noch fix über den Fichtelberg mit Schnee bei 3°C auf 1083 m Höhe. Von nun an diktieren uns Umleitungen den Weg. Kurz vor Olbernhau finden wir einen Parkplatz zum Übernachten.

Stage VIII

252 km – Wir verlassen Olbernhau, fahren an Seiffen vorbei, ohne Holzspielzeug zu kaufen. In Königstein in der Sächsischen Schweiz kommt tatsächlich die Sonne raus! Der Campingplatz an der Elbe ist geschlossen, also weiter Richtung Oybin durch das Kirnitzschtal. Ein sehr schönes Sträßchen führt entlang am Fluss mit interessanten Felsformationen. Wir fahren über Steinigtwolmsdorf bis zum Kloster Oybin. Schnell kraxeln wir noch schnell den Felsen hoch durch die Ritterschlucht, aber das Kloster schließt bereits um 16:00 Uhr. Zu spät!

Stage IX

192 km – Wir verlassen Oybin und schauen uns gleich das nächste Kloster an: Marienthal in Ostritz kommt frisch renoviert in Pastellfarben daher.. unser Weg führt uns weiter, immer an der Neiße entlang bis Zentendorf bei Görlitz. Der östlichste Punkt ist perfekt ausgeschildert. Ein Baum, ein Felsen und eine Bank zum Verweilen. Wir tragen uns in das Zipfelbuch ein und genießen die Ruhe und Abgeschiedenheit. Ein Ort zum Träumen! Um 16:00 Uhr cruisen wir weiter an allen möglichen Seen vorbei, fast wie in Schweden und landen irgendwann irgendwo im Wald bei Cottbus mit Naturkino pur. So schön!

Stage X + xI

212 km – Seit gestern zieren ca. 1000 dänische Eintagsfliegen unseren Alkoven. Da sind wir doch glatt in einen Schwarm hineingefahren! Das wollte gar nicht wieder aufhören! Naja, kann man jetzt nichts machen. Wir fahren auf kleinen Sträßchen wie immer, an der Spree entlang und genießen Natur pur. Die Landschaft ändert sich. Der Boden wird sandig und es wachsen Pinien. Es sieht ein bisschen aus wie in Südfrankreich. Abends übernachten wir auf dem Parkplatz von Kloster Chorin. Endlich mal wieder ein Kloster:-)Kaum fassen wir den Gedanken, noch ein bisschen draußen zu sitzen, fängt es an zu Hageln! Immer öfter denken wir: Deutschland – 100 Länder in einem! So abwechslungsreich..

247 km – Wir fahren durch die Schorfheide, biegen an der Uckermärkischen Seenplatte links ab und fahren nicht nach hinein nach Meck-Pom, denn zu dem Zeitpunkt ist die Einreise nicht gestattet, wenn man dort keinen Wohnsitz hat. Schade, aber wir waren früher schon öfter dort. So hangeln wir uns weiter westwärts an der Grenze zu Meck-Pom entlang und kommen so, mehr zufällig durch das Storchendorf Rühstädt, wo tatsächlich fast auf jedem Dach ein Storchenpaar hockt! Wir wussten nicht, dass es das in Deutschland gibt! Faszinierend. Kurz danach kommen wir nach Wittenberge und landen auf einem Wohnmobilstellplatz an der Elbaue. Sehr idyllisch! Wie schön ist es, wenn man sich einfach mal ohne Plan treiben lässt…

Stage XII

414 km – Der Wasserstand der Elbe ist über Nacht ca. 30 cm gestiegen. Nichts wie weg hier, bevor noch Hochwasser kommt. Bei der nächsten Brücke wechseln wir zur südlichen Elbuferstraße über, damit wir nur nicht nach Meck-Pom hineingeraten. Wir fahren über die Fachwerkstraße durch Hitzacker. Kilometer lang nur Fachwerkhäuser, eins schöner als das Andere! Auch immer interessant, wie sich im Lauf unserer Tour der Baustil der Häuser von Region zu Region ändert.Bei Lauenburg biegen wir ab in Richtung Lübeck. Wir quälen uns im Stau durch Travemünde und Timmendorfer Strand und starten lieber durch nach Fehmarn. Und nun meine Frage: Ist Fehmarn so eine Art „heilige Kuh“ in Deutschland? Darf man nicht sagen, dass es einem nicht gefällt? Klein! Eng! Vollgestopft! Die Campingplätze haben auf, aber sie sind einfach nicht unser Ding…und die Strände: schmal und blöd. Also wieder runter von der Insel. Wozu haben wir ein Wohnmobil? Wir fahren noch weiter bis Hohwacht, werfen auf einem Stellplatz 10,- € in einen Automaten und können ohne Corona-Test dort übernachten. Puh, was für ein Tag!

Stage XIII

437 km- Gleich morgens fahren wir durch Brasilien, Kalifornien, Laboe und Eckernförde im Eiltempo. In Glücksburg hüpfe ich schnell aus dem Auto und knipse das Wasserschloss. Sehr hübsch. Weiter. Hinter Flensburg wird es dann schön, sonnig, einsam – weites Land. Und schwups, stehen wir am Alten Zollhaus an der dänischen Grenze, unserem nördlichsten Punkt ( auf dem Festland wohlgemerkt). Ein paar Schafe begrüßen uns, ein paar Kinder spielen auf der Straße, sonst nichts. Aber es ist wunderschön hier und sehr friedlich! Wir knipsen das ca. 50.000ste Rapsfeld. Ganz Deutschland ist gelb gefärbt im Frühjahr. Eine herrlich Farbe zum Fotografieren. Man kann es einfach nicht lassen. Wir verbringen den Nachmittag am Strand im Strandkorb bei herrlichem Sonnenschein, aber nur 14°C. Am Walchensee im Süden hatten wir noch 28°C. Auch das Klima ändert sich von Region zu Region. Natürlich weiß man das. Aber nun auf unserer Reise erleben wir es wie im Zeitraffer. Zum Übernachten müssen wir wieder auf die Autobahn. Alle Plätze sind rappelvoll. Ohne Reservierung geht nichts. Schleswig Holstein hat aufgemacht. 

Stage XIV

164 km – Auf geht‘ in Richtung SPO, über Husum, die graue Stadt am Meer, immer am Deich entlang. Den Ausflug zum Leuchtturm von Westerhever schenken wir uns, da der Parkplatz voll ist. In St.-Peter-Ording geht’s ab auf den Strand nach Entrichten von € 14,- Endlich mal wieder mit dem Auto auf den Strand fahren! Und groß und weit und lang ist der Strand! Wir sitzen den ganzen Tag vor unserem Mobil in der Sonne. So muss das! Herrlich. Erinnerungen werden wach, als wir damals den Zwillingskinderwagen hier über den Strand geschoben haben…Wir machen einen Spaziergang. Unten am Strand stehen allerlei Verbots- und Gebotsschilder. Bis man die alle kapiert hat, ist der Tag um. Eine weitere Unsinnigkeit, die wir nicht verstehen, ist eine Riesenschlange von Menschen, die anstehen vor einem Restaurant. Wartezeit mind. 60 min. Verrückt! So lecker können die Pommes doch da gar nicht sein! Ein Tag am Meer. Ein schöner Tag! Und zum Übernachten ab auf die Autobahn.

Stage XV

Von Albersdorf Autobahnparkplatz bis Hamburg im Regen, durch den Elbtunnel ins Alte Land an den Süd Deich der Elbe. In Wisch halten wir auf einem Parkplatz, der über und über mit Kirschblütenblättern bedeckt ist: la vie en rose. Am Elbstrand machen wir ein Picknick bei Sonne und 16°C unter einer Art „Mangrovenbäumen“. Wir sind wie verzaubert. Altes Land hört sich vielleicht altmodisch an, ist aber wunderschön. Wegen einer Kindheitserinnerung möchte ich unbedingt nach Neuharlingersiel. Es schüttet und gewittert. Ich steig aus und mache meine Fotos. Wie war das noch mit dem schlechten Wetter und der schlechten Kleidung? Egal! Wir werden unserem Grundsatz untreu und fahren nicht nur zu Übernachten auf die Autobahn sondern bis Meppen.

Stage XVI

504 km – Es regnet den ganzen Tag Am Niederrhein ist alles so langweilig, dunkel, düster. Gegen 15:00 Uhr erreichen wir den westlichsten Zipfel Deutschlands in Selfkant.  Sehr hübsch  zurecht gemacht mit allerlei Erklärungen und einer Sitzecke genau auf der Grenze. Sehr modern alles. Wie archaisch war es doch am östlichen Zipfel! Ich weiß gar nicht, was mir besser gefällt? Doch, ich weiß es:-)Wir heizen weiter Richtung Eifel. Der Himmel sieht aus, als ob die Welt unter geht. Wir fahren mitten hinein ins Unwetter aus Hagel und Regen. Irgendwo an einer Bank halten wir an. Hauptsache nicht mehr fahren!

Stage XVII

230 km – Heute geht unsere „Weltreise in Deutschland“ zu Ende. Bei Trier schließt sich der Kreis. Entgegen der Schätzung vorab von 4200 km sind wir nun 5230 km in 17 Tagen gefahren, fast alles nur auf untergeordneten Landsträßchen. Krass! Was für eine Tour! In leicht „hysterischer“ Ausgelassenheit inszenieren wir an der Our noch eine Flussdurchfahrt und fahren natürlich nicht durch. Wozu auch? Jetzt wollen wir nach Hause, beseelt von so vielen Eindrücken. Was bleibt? Deutschland ist schön „Punkt“

Das Fazit

Immer schon gewusst, zum hundertsten Mal bestätigt: Die Floskel Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung ist Blödsinn! Klar kann man Wetter nicht beeinflussen, es ist wie es ist. Klar aber auch, dass wirklich jeder Reisende Sonne, weiße Wölkchen und 25°C als angenehmer empfindet als Sturm, Regen und tiefhängendes Wolkengedöns. Ist zwar egal, wenn ich im fensterlosen Großraumbüro meinen Arbeitstag friste, aber das Naturkino hinter der Frontscheibe hätte ich gern in farbig und warm. Und so kam es, dass wir in Abhängigkeit vom schönen Wetter im ersten Drittel der Tour mächtig Zeit liegen ließen, die es vom Chiemsee bis zum Erzgebirgskreis im Dauerregen aufzuholen galt.

Gut für Pfälzerwald, südlichen Schwarzwald, Allgäu und die bayerische Alpenregion, schlecht für Passau, Bayerischer Wald, Oberpfalz und Vogtland. Der Rundgang durch Passaus Altstadt ging im Regen baden, die Besteigung des Lusen im Bayerischen Wald fiel ebenso flach. Wegen Corona alles „stängt“, wie der Schwede sagt, und diese nasstriefende, endlos-graue Nadelbaumorgie hätte ihn durchaus an die Wälder nördlich seines Polkreises erinnern können. Die Mittagstemperatur am Arberseehaus lag bei 3°C, und wenige Kilometer weiter auf der Passhöhe klebte plötzlich leichter Graupel am Scheibenwischer. Zwei Tage vorher hatten wir im Alpenvorland noch 26°C.

Aber: Das 45°-Segment unseres Tourkreises von der Sächsischen Schweiz bis hinüber zum Alten Land entschädigte uns auf den Cent. Wettermäßig lag es genau zwischen den beiden Extremen. Alles drin: Sonne, um die 20°C, und ein weißgetüpfelter Himmel über Spreewald, Schorfheide und den Uckermärkischen Seen. Das war auch der längste, unbekannteste und abwechslungsreichste Abschnitt der Reise, mit grandiosen Momenten und der Erkenntnis, wie vielfältig Deutschland mit seinen wechselnden Landschaften doch ist…

Die Holztürme der uckermärkischen Kirchen. Die Backsteinbauten von Brandenburg bis zur Elbtalaue mit ihren Storchendörfern. Hektarweite Kiefernwälder im Sandboden der Schorfheide, mit kilometerlang gefurchten Rodungsstreifen zum Schutz gegen Feuersbrünste. Aus der offenen Seitenscheibe zum Greifen nahe Bäume, die die Spreewaldsträßchen mit ihren Holzbrücken säumen. Glasklare, birkenumstandene Seen in der Abgeschiedenheit der Norduckermark, dass man sich nach Schweden versetzt fühlt. Die Exotik des Nordens verzaubert auch hier, nur diesmal im positiven Sinn.

Und über allem dieser monumental weite Himmel, den wir als Südwestdeutsche gar nicht so kennen. Steckte jetzt noch Meckpom in unserem Projektportfolio, hätte es dieses ostdeutsche Erlebnis sicherlich so spektakulär gemacht, dass es eine eigene Tour verdient hätte. Terrae incognitae zu bereisen ist immer aufregend.

Aber trotzdem nicht zu vergessen: Der fehlende Westzipfel musste natürlich sein, auch wenn das Mistwetter dazwischen funkte. Hinterm Alten Land begann es zu schütten was das Zeug hielt, und das führte tatsächlich zur ersten längeren Autobahnetappe auf der A31 bis ins nördliche Ruhrgebiet. Was allerdings unseren Kartoffel-Kurs nicht noch kartoffeliger machte, denn die Strecke führt in Sichtweite parallel zur holländischen Grenze. Abstecher dann zum Niederrhein mit seinen Rheinauen, aber auch Xanten fiel dem Regen zum Opfer. Schade, es hätte sich als Nibelungenstadt und Siegfrieds Geburtsort in unserer Deutschlandreise gut gemacht – deutscher gehts nicht.

Trivia

Warum der Osten uns so begeisterte, lag vor allem an der relativen Naturbelassenheit dort. Die Dorfhauptstraßen schlängeln sich bordsteinfrei durch Vorgärten, die Wälder sind Urwälder, Seen werden ufernah umkurvt, die Botanik reicht ohne Leitplanke bis an die Straßenränder. Kurvig-rund ist der Osten, wo bei uns die Linien gerade und Ecken rechtwinklig sind. Alles zeugt von einer sehr charmanten Unfertigkeit, die dem Auge harmonischer erscheint als unsere gewohnte Perfektion. Beispiel dafür ist der Zipfelvergleich West/Ost. Kurz vor unserem Tourende nahe Heinsberg gibt es ein akkurat gestaltetes Infozentrum zum Westzipfel Deutschlands. Das Zipfelbuch fehlt (hätte man auf Nachfrage im Gemeindehaus einsehen können), aber es gibt Toiletten, überdachte Bildtafeln zum Zipfelbund und Holzbohlenweg zur Sitzbank genau auf 51°1’N  5°55’O. Und Regen!

Tage vorher am Ostzipfel schien die Sonne auf Rapsfelder, die bis ans Neißeufer wucherten. Vögel twitterten ihre Sommerlaune in die Luft, Bienensummen überall, und der Grenzbach plätscherte leise. Grenzmarkierungen in den Büschen, hier Schwarz-rot-gold, drüben Weiß-rot. Ein rustikaler Anlegesteg, Bank, GFK-Hütte für Schlechtwetter, ein dicker Findling mit Plakette, Abtritt hinterm Baum, Zipfelbuch im unverschlossenen Holzkasten. Alles wird in Eigenregie gepflegt und erhalten. Und über dem Grenzland ein Frieden, der kaum erinnert an Zeiten, in denen die Oder-Neiße-Linie Spielball der Weltkriegsmächte war. Ein Ort zum Träumen.

Apropos: Aus den projektierten 4300 Kilometern sind dann doch 5230 geworden – was nur zum Teil an den kilometerfressenden Umleitungen lag. Hauptgrund war: Ignorant und unorganisiert kamen wir in Schleswig-Holstein ohne negativen Coronatest auf keinem Camp unter und mussten weite Wege gehen, um den Sheriffs keinen Grund zum Zugriff zu geben. In letzter Not vor der Ausgangssperre war die A7 obendrein die einzige Autobahn im Norden, auf deren Rastplätze man sich flüchten konnte.

Zweiter Grund: Wir nahmen Fehmarn ins Programm auf, was sich umgehend als Fehler erwies. Langweilig und flach wie eine Belt-Flunder, und die Strände waren ein Witz. Aber viel schlimmer: Reisehungrige Urlauber fielen nach der Öffnung wie Heuschrecken über das Eiland her. In dem Tohuwabohu gab es für uns keine adäquate Stellmöglichkeit, und die offiziellen entsprachen nicht unserem Geschmack. Und so kreuzten wir im Dreieck Fehmarn – Flensburg – St.Peter-Ording gegen Wind und Zeit, dass sich die 3-malige Nachtlagersuche kilometermäßig summierte.

Wie haben wir denn überhaupt übernachtet? Unterschiedlich. 2-mal coronabedingt halblegal und kostenlos auf Womo-Stellplätzen, 2-mal auf Parkplätzen mit Bezahlautomat, 4-mal auf Autobahn-Rastplätzen. Ansonsten 8-mal wild (ich hasse das Wort, weil es mittlerweile so negativ besetzt ist), ohne jedoch offensichtliche Grundrechte zu verletzen oder mehr als zertretene Grashalme zu hinterlassen. Auch auf Wanderparkplätzen standen wir, weil man dort wirklich niemand stört, solange man keinen Campbetrieb rund ums Auto veranstaltet und nur die vielzitierte eine Nacht zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit bleibt.

Oft ist es eine Gratwanderung, wo man jemand eventuell auf die Füße tritt, oder zumindest das Bild vom hässlichen Wohnmobilist verstärkt. Etwas Fingerspitzengefühl ist da unerlässlich, und das lernt man gut in südlichen Ländern, wo man mit dem teuren Gefährt als reicher Mitteleuropäer gesehen wird, der etwas abgeben kann. Mittlerweile aber existiert ein ähnliches Bild auch in deutschen Regionen, wo die Menschen coronagebeutelt um ihre Existenz bangen. Im Zittauer Gebirge zum Beispiel im Kurort Oybin lebt jeder vom Tourismus. Der Lockdown hat alles dort lahmgelegt, und in ihrer Verzweiflung peppen die Ladenbesitzer Klebebanner in ihre Scheiben – Wir müssen endlich öffnen, sonst öffnen wir nie mehr. Woanders grassiert nur stoischer Gleichmut, den man mit Reparaturen und Erhaltungspflege bekämpft. Sozialneid sitzt so schneller in den Köpfen als man Gasgeben kann!

Ändern können wir es nicht, so gern wir Geld dagelassen hätten. Abends im urigen Lokal, eine Nacht auf dem Stellplatz in der Nähe – aber keine Chance, wie woanders auch. Beleg dafür, wie wenig wir mit unserem Reiseverhalten (Essengehen, Weinprobe, regionale Spezialitäten, Campgebühren, Kurtaxen etc.) überhaupt einem Tourismusbetrieb helfen konnten: Auf ganze 35 Euro summierten sich unsere Ausgaben, exklusive Tanken und Einkaufen im Discounter. Vor diesem Hintergrund fällt es niemand leicht, uns Herzlich willkommen zu heißen.

Was bleibt?

Die Erkenntnis, dass einen das Reisen nicht dümmer macht. Dass man selbst in Ausnahmezeiten wie diesen wagen sollte, im Rahmen der Möglichkeiten rauszugehen in die überschaubare Welt unseres Deutschlands. Input tanken. Fremde Dörfer hinter der Frontscheibe erleben, mit ihren Menschen in den Gärten, ihren anderen Gesichtern, anderen Autos und anderen Hausfassaden. Die Vielfältigkeit und den Wechsel der fremden Landschaft genießen. Der Zeitraffer der 17-Tage-Umrundung zeigt vor allem die unterschiedlichen Baustile der Dörfer mit ihren Kirchen, die sich sehr nah an die benachbarte, ausländische Architektur anlehnen. Die Grenze zu unseren Nachbarn ist fließend, sowohl optisch als auch sprachlich, so dass es nicht relevant erscheint, dies- oder jenseits der Grenzmarkierung zu stehen. In den Regionen, die wir durchfuhren, mag Europa in den Köpfen seiner Bewohner vereinter zu sein als man glaubt.

Die Politik zieht die Grenze, nicht die Menschen. Das zu erkennen würde helfen, Aversionen und Animositäten und Aggressionen auszumerzen. Aber man sollte sich selbstkritisch sehen. Zu jedem Fremden, den wir via Frontscheibe auf dem Rad, in der Straße oder in seinem Vorgarten sahen, baute sich eine undefinierte Verbindung auf, wenn sich unsere Blicke für Sekundenbruchteile trafen. Spontan ergaben sich daraus Sympathie oder Antipathie, Interesse oder auch keins. Verhaltene Neugier vielleicht… aber doch nur selten ein Lächeln. Vermutlich auch nicht bei uns. Warum das so war und ist, bleibt die einzige unbeantwortete Frage dieser Reise.



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