Benni: Ein Nomade im Fernweh-Mobil

Alle Bildrechte liegen bei Benni! Werbung durch Produktnamennennung.

Roger: Schön, dass wir endlich dazu kommen über deine tollen Reisen der letzten Monate zu berichten.

Wir haben uns damals kennengelernt, als wir bei meinem Arbeitgeber PWS Offroad GmbH in Neunkirchen die Halterungen und weitere Vorbereitungen für dein Fernweh-Mobil gebaut haben. Ich glaube, das war im Frühjahr 21.

Du hast damals einen gebrauchten Toyota Hilux gekauft. Bist du damit noch unterwegs?

Benni: Ich freue mich auch, dass wir uns über das Reisen und das Nomadenleben austauschen. Seit unserem letzten Treffen ist so einiges spannendes passiert. Meiner Rosinante, so nenne ich meinen Hilux inkl. Fernweh Mobil Kabine, geht es sehr gut und ich lebe weiterhin sehr gerne dauerhaft in ihr.

Roger: An dem Toyo war ja schon einiges umgebaut. Was wurde alles daran geändert?

Benni: Die beiden vorherigen Besitzer hatten einiges an dem Hilux umbauen lassen und so kommt eine ganz schön lange Liste zusammen:

  • Auflastung auf 3,5t mit OME Blattfedern und Toyota Nestle Dämpfern
  • Schwerlastfelgen aus Aluminium
  • Größere 265/70R17 AT Reifen
  • Größere Bremsen an der Vorderachse von Toyota Nestle
  • Spurverbreiterung
  • Aluminium-Stoßstange vorne inkl. Bergungspunkten und zusätzlichen Scheinwerfern
  • Seilwinde vorne
  • Kompletter Unterbodenschutz
  • Rockslider
  • Schnorchel
  • Verstärkte Kupplung
  • Zusätzlicher Tank für weitere 110l Diesel

Mit einem kernigen Offroader bereist man Länder auf andere Weise. Und findet dabei die schönsten Stellen der Erde, die in keinem Reiseführer stehen.

Benni on Tour: Der Hilux ist mit effektiven Anbauteilen ausgestattet.So ist man für die große Reise gut ausgestattet

Roger: Haben sich die Umbauten und das Konzept bewährt?

Benni: Mittlerweile lebe ich über ein Jahr in dem Auto und bin auch schon ein bisschen rumgekommen. Meiner Erfahrung nach sind einige Umbauten, z. B. alles was mit der Auflastung zu tun hat, absolut sinnvoll. Wahrscheinlich sind sie sogar notwendig, um die Kabine ordentlich tragen zu können. 

Roger: Ja, das ist auch Meinung die ich immer wieder vertrete. Um eine Wohnkabine ordentlich zu tragen, sollte möglichst ein abgestimmtes,kräftiges Fahrwerk eingebaut werden. Man verbessert damit nicht nur die Fahreigenschaften, sondern erhöht auch deutlich auch die Fahrsicherheit und den Fahrspaß.

Benni: Andere Dinge sind aus meiner Sicht eher komfortabel oder nur unter bestimmten Bedingungen sinnvoll und meistens unnötig. Es kommt darauf an, was man mit dem Fahrzeug anstellen möchte. Mich persönlich hat z. B. die Seilwinde schon ein paar Mal gerettet. Andere nutzen ihre Winde scheinbar nie. Den zusätzlichen Tank habe ich bisher nur als Zehn-Liter-Reservekanister genutzt, weil er voll mit 110 zusätzlichen Kilo ganz schön ins Gewicht fallen würde.

Roger: Haben die Halterungen, die wir bei der PWS Offroad verbaut haben, unter den extremen Belastungen gut gehalten?

Benni: Absolut. Bisher gab es damit keinerlei Probleme. Vielen Dank nochmal für die freundliche, engagierte und kompetente Arbeit an den Halterungen. 

Roger: Ich nehme an, dein Fahrzeug heißt Rosinante, so wie dein Blog und Instagram Account? 

Benni: Genau. Der Hilux und die Fernweh-Kabine zusammen heißen Rosinante. Für mich ist beides zusammen ein Raumschiff. Manchmal nenne ich sie auch Ein-Raum-Schiff. Angelehnt an Einraumwohnung und Raumschiff. Und Rosinante ist ein Raumschiff aus einer meiner Lieblings-Science-Fiction-Buchreihe: The Expanse. Und der Gaul von Don Quichotte heißt ebenfalls Rosinante.

Ich mag die Idee, dass mein Leben in meiner Rosinante ein bisschen wie das Leben von Don Quichotte und wahrscheinlich unser aller Leben ist:

Man neigt doch dazu viele Dinge ein bisschen wichtiger und anders wahrzunehmen als sie vielleicht sind.

Don Quijote auf seinem Pferd Rosinante. Er projiziert seine Wünsche nach ritterlichen Abenteuern in die fade Wirklichkeit: Darum kämpft er gegen Windmühlen, die er sich als Riesen vorstellt, oder zieht gegen Schafherden ins Feld, die er für feindliche Armeen hält. (Bild Honore Daumier / Quelle: Wikipedia)

Roger: Ich glaube, du hast vorher einen Van besessen und sogar dauerhaft darin gelebt? Ist das richtig?

Vor der Rosinante hatte ich zwei Jahre in einem großen Pössl-Kastenwagen in Deutschland gelebt. Eigentlich wollte ich nur mal eine andere Art des Wohnens ausprobieren und mehr Zeit in der Natur verbringen. Ein Tinyhouse in der Natur schien mir in Deutschland zu kompliziert, teuer und statisch zu sein. Nach einigen Überlegungen, hatte ich mir dann damals den Pössl gekauft, sehr viele meiner Sachen ausgemistet und bin eingezogen. In der Woche habe ich in Hamburg gestanden und weiterhin im Büro auf St. Pauli gearbeitet. Am Wochenende wohnte ich dann in der Natur.

Kurz darauf begann dann die Corona-Situation. Neben all den Herausforderungen, die diese Zeit mit sich brachte, war sie für mich auch befreiend. Auf einmal konnte ich das Zwangshomeoffice nutzen und aus dem Kasten heraus digital arbeiten. Dadurch gewann ich sehr viel Zeit in der Natur und außerhalb der Stadt. Als das Reisen innerhalb von Deutschland wieder möglich wurde, wurde ich immer mehr zu einem digitalen Nomaden.

Dieses Leben gefiel mir so gut, dass nach ein paar Monaten immer mehr Ideen zu Fernreisen und einem globalen, grenzenlosen Nomadenleben in mir aufkamen. Gleichzeitig baute ich Existenzängste ab und erlaubte mir die Idee meinen Job zu kündigen, die Welt zu bereisen und mich und sie wirklich zu erfahren.

Genug ist der Reichtum der Weisen

Verfasser unbekannt

Sicherlich wäre eine Bereisung der Welt auch in dem Pössl möglich gewesen, aber eher nicht in der Art, die ich mir vorstellte. Ich wollte entlegene Orte erkunden. Wege befahren, die einem Kastenwagen eher nicht guttun würden.

Erst hatte bei meinem Reisemobil an einen Unimog, einen Defender mit Aufstelldach oder einen Allrad-Kastenwagen gedacht. Nach einigen Recherchen, Abwägungen und Vergleichen habe ich mich dann aber für die Kombination eines Pickups mit einer Absetzkabine entschieden. Die Hauptgründe dafür waren, dass ich ein geländetaugliches, weltweit verbreitetes Fahrzeug mit einem wirklichen Werksallrad wollte. Dies schien mir einfach zuverlässiger. Der Hilux mit Untersetzungsgetriebe und Heckdifferenzialsperre schien mir eine gute Wahl. Zumal er als sehr robust gilt und die Service- und Ersatzteilesituation weltweit gut zu sein scheint. Zu der Kombination mit einer Absetzkabine kam ich vor allem aus Kostengründen. Darüber hinaus hatte ich die Überlegung, dass es vielleicht einmal praktisch sein könnte, den Pickup oder die Kabine auszutauschen, wenn eins von beidem kaputtgeht.

Roger: Ja, das ist ja der große Vorteil der Pickup Camper und ein wichtiges Argument. Auto oder Kabine können in der Regel den Wünschen nach ausgetauscht werden.

Benni: Nachdem die Rosinante komplett war, entrümpelte ich meine Sachen weiter, zog ein und lebe seitdem in ihr.

Je mehr Dinge wir loslassen, desto reicher werden wir

Verfasser unbekannt

Roger: Du lebst also jetzt permanent in deinem Fernweh-Mobil. Wo bist du aktuell?

Benni: Jetzt wohne ich gerade mit Rosinante in Bulgarien an einem wunderschönen Muschel-Strand. Seit bald einer Woche. Direkt an oder auf einem Strand zu parken, konnte ich mir in Deutschland noch gar nicht vorstellen, aber hier ist das überhaupt kein Problem und das Leben am Strand ist wunderbar.

An solchen Traumstränden lebt Benni teilweise autark für mehrere Tage oder Wochen. Mai 2022

Benni lebt sein Leben an den traumhaftesten Plätzen. Mai 2022

Das bedarf keiner weiteren Worte…

Roger: Ja, ein Traum. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, bist du den kompletten Balkan bereist? Wie ist deine Route verlaufen?

Benni: Kurz nach Weihnachten 2021 bin ich aufgebrochen und erstmal von Hamburg über das Sauerland und den Schwarzwald am Bodensee entlang und dann nach Österreich gefahren. Von Österreich ging es dann über Italien, Slowenien, Kroatien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Albanien, Nordmazedonien, Griechenland nach Bulgarien.

Reisen ist ein guter Weg Geld aus zu geben und trotzdem Reicher zu werden

Verfasser unbekannt

Bist du zufrieden mit der Bauweise das Fernweh Mobils?

Ich glaube, dass das Fernweh Mobil eine absolut durchdachte und sehr gut konstruierte Kabine ist. Ihre Größe und Gewicht sind aus meiner Sicht das Maximum, das man aus einer Offroad-Kabine herausholen kann. Die GFK-Hülle, das Aufstelldach, die Zeltplane und alles andere sind super robust gefertigt. Und ich finde es erstaunlich, dass beinahe keine speziell angefertigten Teile verbaut wurden. Wenn also nach langer Zeit doch einmal etwas kaputtgehen sollte, kann man es gut und überall reparieren.

Aber das Wunderbarste an der Kabine ist für mich das wohlige Wohngefühl! 

Vor dem Kauf meiner Kabine hatte ich mir sehr viele Kabinen angesehen und an das Gefühl im Fernweh Mobil kam keine annähernd heran. Ich hatte mich schon bei der Besichtigung bei Benno (Benno Cramer / Cramer Technik Anmerk. der Red.) sofort zu Hause gefühlt. Also nicht nur für eine kurze Reise, sondern für Jahre. Sie strahlt für mich sehr viel mehr Wärme und Wohligsein aus als die anderen Kabinen.

Roger. Ja, das kann ich alles nur bestätigen! Das deckt sich exakt mit meinen Erfahrungen.

Home is where you park the Fernweh-Mobil

Roger: Gibt es etwas, was du an der Kabine verbessern würdest? Oder was dich an ihr stört?

Benni: Verändern und ausprobieren würde ich vieles, aber ob diese Dinge eine Verbesserung wären, weiß ich nicht.

Roger: Stimmt, die Kabine ist nun mal über Jahre ausgereift und man kauft sie im Prinzip reisefertig. Da gibt es nicht mehr viel zu verbessern.

Benni: Für sehr kalte Tage habe ich mir z. B. vom Hauptschlauch der Heizungsluft einen dünneren Nebenschlauch verlegt. Der wärmt meinen Lieblingsplatz in der Kabine und bringt warme Luft in die Front des Alkovens.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde ich die Kabine ein wenig leichter und kleiner machen. Oder ich würde meinen Hilux in eine Extra Cab verwandeln. Für mich alleine bietet sie in Kombination mit dem Hilux Double Cab im Grunde weit mehr als genug Wohn- und Stauraum.

Roger: Ja, für ein bis zwei Personen ist eine eineinhalb Fahrgastzelle einfach die beste Wahl. Der überhang der Kabine veringert sich um 30 cm. Das macht im Schwerpunkt bzw. der Gewichtsverteilung einiges aus und verändert die Fahreigenschaften zum Guten.

Benni: Für die Double Cab hatte ich mich damals entschieden, um Fahrräder im Fahrzeug transportieren zu können. Mittlerweile habe ich aber keine Fahrräder mehr dabei und brauche das Double Cab eigentlich nicht mehr. Aus meinen bisherigen Offroad-Erfahrungen kann ich sagen: 

Leichter und kleiner ist immer besser!

Roger: Stimmt! Meine 3 Tipps für Pickup-Camper Neulinge lauten immer:

Gewicht sparen, Gewicht sparen, Gewicht sparen! 

Und erst im Laufe der Zeit und mehreren Reisen merkt man, dass diese “3 Tipps” wirklich die wichtigsten im Pickup-Camperleben sind.

Sieht man diese kurze Sequenz, versteht man warum ein Offroad Pickup Camper möglichst leicht sein soll…

Roger: Ich habe gesehen, dass du schon einige Offroad-Erfahrungen gesammelt hast. Gab es brenzlige Situationen?

Benni: In Albanien konnte ich das erste Mal richtig Offroad fahren. Zumindest so weit eine Pickup-Kabinen-Kombination dies zulässt. Ebenfalls in Albanien habe ich das albanische Schatzi Offroad Racing Team kennengelernt und war auf einem richtigen Offroad-Event von ihnen. Dort habe ich erlebt, was richtiges Offroaden ist. Also die wirklich materialzerstörende Variante. Das möchte ich der Rosinante nicht antun.

Immer wieder erlebt Benni spannende Offroad Einlagen

Und dann kommen auch schon mal Schneeketten zum Einsatz….

Aber dennoch wollte ich es zu der Zeit in Albanien einfach wissen und hatte sehr viel Spaß daran zu schauen, was möglich ist. Also scheute ich mich auch nicht, die winterlichen, teils aus Eis, Schnee und Matsch bestehenden, schmalen und teilweise sehr holprigen und verwinkelten Tracks mit großen Stein-Stufen zu befahren.

Einmal stand ich an einer sehr, sehr matschigen Rechtskurve, deren Innenseite in einen Abhang hinunterführte. Die Kurve war sehr spitz und fiel zur Innenseite/ dem Abhang hinab. Ich wusste sofort, dass es knapp werden würde und präparierte die Kurve eine Stunde lang mit meinem Klappsparten: Ich glich die Schräge ein wenig aus, machte die Kurve weiter und versuchte die Innenseite zu befestigen. 

Als ich mit dem Ergebnis zufrieden, zu dem Schluss gekommen war, dass es möglich sein wird und meinen Mut zusammen genommen hatte, manövrierte ich Rosinante bestmöglich zum Anfang der Kurve. Im Untersetzungsgetriebe fuhr ich weit außen, ein Stück vom glitschigen Hang nutzend, in die Kurve hinein. Als Rosinantes Vorderachse es über den Scheitelpunkt geschafft hatte, gab ich mehr Gas, damit das schwerere Heck nicht im Scheitelpunkt stecken bleibt oder in den Abhang rutscht. Der Hilux zog sich langsam driftend um den Scheitelpunkt. Da merkte ich, dass das rechte Hinterrad absackte. Ich hatte mir vorher überlegt, dass das passieren könnte und was ich in dem Fall tun würde. Aufregend und abenteuerlich war es aber dennoch. Und ob meine theoretische Überlegung mich und Rosinante praktisch vor dem Abgrund retten würde, wusste ich nicht. Also gab ich wie zuvor überlegt sehr viel mehr Gas. Die Hinterräder wühlten sich um den Scheitelpunkt. Als Rosinante kurz an Momentum verlor, dachte ich, dass nach dem Momentum das Rutschen in den Abhang kommen würde. Ich spürte genau wie das rechte Hinterrad absackte und gab mehr Gas. Meine Hoffnung war, dass vor allem die Vorderräder und das andere Hinterrad uns vor dem Abgrund retten würden. Nach einem Moment des Zweifelns hatten wir wieder mehr Grip und wühlten uns aus der Kurve raus. Nach der Aktion stieg ich aus und schaute mir die Kurve an. Das rechte Hinterrad hatte sich maximal eine Handbreit vom Abgrund durchgewühlt. Nach der Aktion machte ich erstmal eine kleine Pause und fuhr dann weiter.

In Griechenland war ich einmal ebenfalls auf matschiger Piste unterwegs. Ich suchte nach einem Weg, um auf einen Berg zu kommen. Nachdem sich Rosinante mit viel Schwung einen matschigen, holprigen Hügel hinauf gefressen hatte, führte der Track über vom Regen ausgewaschene Querfurchen. Wir schafften es sehr gut durch die Hindernisse, aber nach ein paar hundert Metern ging es dann gar nicht mehr weiter und ich musste umkehren. Auf dem Rückweg passierte es dann: Die Querfurchen führten auf der Hang abgeneigten Seite in große, tiefe Spalten. Auch hier hatte ich mir gedacht, dass es knapp werden würde. Nach dem Passieren des ersten Hindernisses, manövrierte ich Rosinante in eine bessere Ausgangsposition für das Zweite. Ich nutze nur wenige Zentimeter zu viel aus und da rutschte das gesamte rechte Hinterrad in die bereits passierte Spalte. Der Hilux saß teilweise mit dem Rahmen im Schlamm. Untersetzungsgetriebe, Heckdifferenzial, Sandbleche und weniger Reifendruck brachten keinen Erfolg auf dem glitschigen Boden. Es gab nicht viele Bäume in Reichweite. Nur einen einzigen, der infrage kam und der war oben auf dem Hang, abseits der Piste und weit weg. Ich fuhr das gesamte Seil der Winde aus, aber es war zu kurz. Ich verlängere das Seil mit meinem Bergegurt, aber es reichte nicht. Also nahm ich noch meinen Baumgurt dazu. Am Ende hatte ich vielleicht zwanzig Zentimeter zu viel Seil. Die Winde zog dann Rosinante tadellos aus der Spalte heraus. Weil aber die Piste inzwischen noch glitschiger geworden war, verbrachte ich weit über eine Stunde damit, die nächste Spalte so sicher wie möglich mit Klappsparten und Sandblechen zu umfahren. Es gab keinen Baum, der uns aus dieser Spalte retten hätte können. Nach gefühlt tausend Rangiermanövern, Spatenhieben und Umlegungen der Sandbleche waren wir dann durch.

Benni hat auf seinen Touren keine Angst vor größeren Herausvorderrungen. Manchmal natürlich auch unfreiwillig…..

Roger: Da kann man wirklich nach dem Kölner Grundgesetz sagen:

Et hätt noch immer jot jejange. (Auf Deutsch: Es wird schon gutgehen…)

Kölner Grundgesetz

Langsam, langsam: vom Sinn des Reisens

Roger: Bist du immer alleine auf Tour?

Benni Ja, genau. Die meiste Zeit bin ich alleine unterwegs und ich genieße die Einsamkeit sehr. Zumindest meistens. Bevor ich dieses neue globale, potenziell unendliche Nomadenleben begann, hatte ich nie alleine Urlaub oder ähnliches gemacht. Ich war immer mit FreundInnen oder Partnerinnen unterwegs gewesen. Ich denke, dass ich mich vor dem alleine Reise gescheut hatte.

Alleine sein müssen ist das Schwerste, alleine sein können das Schönste.

Hans Krailsheimer. Deutscher Schriftsteller. * 1888, † 1958

Nun muss ich sagen, dass das alleine Reisen sehr, sehr viel Schönes mit sich bringt. Zumindest für mich in der Art wie ich es tue. Seit einigen Jahren widme ich mich viel einer achtsamen und buddhistischen Lebensweise. Die Ruhe, die ich z. B. alleine auf einem abgelegenen Berg lebend empfinde, ist wunderschön und eine wunderbare Basis für tiefgreifende Erfahrungen. Für mich ist es an solchen Orten soviel einfacher, wahre Ruhe zu empfinden. 

Aber wenn ich andere Menschen treffen möchte, war das bisher kein Problem. Ich steuere dann einfach Orte an, an denen ich mehr Menschen vermute und habe so schon einige wunderschöne Begegnungen gehabt. Der Austausch mit anderen Reisenden und Einheimischen ist wahrscheinlich eine der schönsten Dinge dieser Art zu leben. Es hat mich sehr viel darüber gelehrt, wie unterschiedlich und inspirierend die unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen sind. 

Ab und zu besuchen mich FreundInnen aus Deutschland und wir reisen dann für eine kurze Zeit zusammen in der Rosinante. Und teilweise verbringe ich längere Zeit mit neuen FreundInnen, die ich zwischendurch kennenlerne. Beides ist wunderbar und bietet Zeit und Raum für ein intensiveres Miteinander.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht erschlaffen.

Nur wer bereit ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Die Stufen/ Hermann Hesse

Roger: Welches waren die schönsten Länder?

Benni: Das ist eine gute Frage, aber ich weiß keine pauschale Antwort darauf. Die Länder, die ich bisher besucht hatte, waren alle schön. Meine Highlights bisher waren wahrscheinlich: der schneebedeckte Schwarzwald, die schneebedeckten Gipfel in Österreich, die Freiheit in den Bergen Albaniens, die endlosen und wunderschönen Strände in Griechenland und die grünen Berge Bulgariens.

Wo es am schönsten ist? Eine Frage die man nur schwer beantworten kann.

Roger: Ich glaube, wenn man achtsam und mit der richtigen Grundeinstellung durch die Gegend reist, ist es fast überall schön. Schönheit liegt ja immer im Auge des Betrachters. Es muss nicht immer der entfernteste, exotische Ort sein. So ein Lieblingsort kann dann auch im Schwarzwald liegen …   

Bei gleicher Umgebung schaut doch ein jeder Mensch in eine andere Welt

Verfasser unbekannt.

Roger: Was waren die schönsten Erlebnisse/ Begegnungen auf deiner Reise?

Benni: Mir kommen sofort viele Dinge in den Sinn. Als ich im Winter in Österreich das erste Mal mit Schneeschuhen verschneite Gipfel bestiegen hatte und oben auf dem Gipfel eine wolkenlose Aussicht bei Sonnenschein genießen konnte, habe  ich mich unendlich frei gefühlt.

In den albanischen Bergen erlebte ich zum ersten Mal das richtige Offroad-Overlanding-Leben. Zum ersten Mal fuhr ich über Offroad-Pisten durch die Natur und suchte mir gegen Abend einfach so einen schönen Platz zum Wohnen. Ganz ohne App. Einfach so.

Roger: Ohne App? Sensationell, dass es so etwas noch gibt (lacht)

Benni: In Griechenland und Bulgarien traf ich alte und neue FreundInnen, die ich für immer in mein Herz geschlossen habe. Deren Begegnung und bis heute anhaltenden Gespräche helfen mir, die Welt und mich selber noch offener, freier und liebend zu sehen.

Starke neue und alte FreundeInnen begleiten Benni ab und an auf seiner Reise.

Roger: Was würdest du anderen Reisenden oder Menschen, die dauerhaft in einem Auto leben wollen, mit auf den Weg geben wollen?

Ich glaube, dass jeder Mensch seine eigenen Erfahrungen machen muss und aus meiner Sicht ist das durch nichts zu ersetzen. Nicht durch lange Abwägungen, ausgeklügelte Vorbereitungen, Recherchen, Tagträume bei der Arbeit oder das endlose Scrollen durch Social-Media-Plattformen.

Ich möchte allen ans Herz legen: macht es einfach. Wenn sich eine kurze oder lange Reise oder ein dauerhaftes Nomadenleben gut anfühlen, dann tut es. Egal ob mit einem Offroader, einem Wohnmobil, kleinem PKW, Motorrad, Fahrrad, einem Maultier oder zu Fuß. Egal ob mit viel Erspartem, genug Geld für einen Monat oder dem Arbeiten unterwegs.

Die Hauptsache ist für mich es zu tun und dann wird man sehen was passiert und wohin es einen führt.

Darüber hinaus kann ich von meinen bisher größten Erkenntnissen zum Reisen berichten. Als ich aufgebrochen bin, war ich die ersten drei Monate ziemlich getrieben unterwegs. Ich war froh, dass ich nun wirklich losgekommen war und wollte viele neue Orte usw. kennenlernen. Sehen, was hinter dem nächsten Berg, der nächsten Kurve, dem nächsten Offroadhindernis sein wird. Und ich wollte dem Winter entfliehen. Grundsätzlich war dies auch schön, aber ich habe mich von all dem antreiben und teils auch hetzen lassen. Im Endeffekt war ich gestresst.

Roger: Ja, die Erkenntnis habe ich auch bekommen. Meist habe ich, wie viele andere nur ein kleines Zeitfenster auf meinen Reisen und dann will man “alles” von seinem Reiseziel sehen. Und dann stresst man sich auf einer Reise um die Sehenswürdigkeiten im Urlaubsziel  “abzuarbeiten” und das Ganze artet (oft auch unbewusst) in Stress aus. 

Suchbild : Wo ist das Fernweh -Mobil ?

Benni: Im März in Griechenland lernte ich dann langsamer zu werden und fing an eine Woche oder länger an einem Ort zu bleiben. Inspiriert hatte mich dazu eine Freundin, die ich dort kennengelernt hatte. Wir reisten eine Zeit lang zusammen, hatten wahre, tiefgehende und intime Gespräche und wuchsen zusammen daran.

Langsamer leben heißt nicht langsam zu sein. Es heißt mittendrin zu sein. Lebendig zu sein. Frei zu sein. Zeit zu haben. Zufrieden sein.

Verfasser unbekannt

Das langsam werden ist für mich persönlich die tiefgreifendste und wunderbarste Veränderung, weil sie die Basis für so viele gesunde Veränderungen zu sein scheint. Aber es kommt sicherlich darauf an, was man machen möchte. Wenn das Entdecken und Erleben von vielen neuen Orten, Menschen und Kulturen im Vordergrund stehen soll und man begrenzte Zeit hat, dann muss man vielleicht eher Gas geben, um seine Ziele zu erreichen. Das Ding ist nur, dass ich glaube, dass man dadurch nicht wirklich etwas erreichen oder glücklicher werden wird. Wenn ich mir z. B. überlege, wie es ist, wenn man gestresst vom Alltag und dem täglichen Hamsterrad eine Reise herbeisehnt, man also im Grunde temporär fliehen möchte und dann in dieser Reise dieselben Gewohnheiten des Alltags lebt: 

Welche Veränderung wird einem dann diese Reisezeit bringen? 

Unter Umständen wird man so noch nicht einmal “seinen Akku aufladen” können. Vielleicht tauscht man einfach das vermeintlich befriedigende Konsumieren von allem möglichen durch das oberflächliche Konsumieren von Reiseorten aus.

There ist no road to happiness – the happines is the road

Das schnelle Wechseln von Orten, an dem man lebt, hatte in mir Stress ausgelöst. Einerseits bringt es immer neue Erfahrungen und stimuliert mich ungemein. Wenn ich mich immer neuen Eindrücken aussetze, war es halt recht einfach gewesen in einer Art “Reise-High” zu bleiben. Aber es bot mir keinen Raum, um meine Reise, mein neues Leben, auch mental wirken zu lassen, all die neuen Eindrücke zu verarbeiten und an ihnen zu wachsen.

 

Der Weg ist das Ziel. Denn er führt nicht zum Glück, er ist das Glück.

Verfasser unbekannt

Trotz vieles Konsumierens habe ich mich leer gefühlt.

Hinzu kam noch, dass ich eine Phase hatte, in der ich meinen Instagram Account viel genutzt hatte. Ich hatte täglich viele Posts und Stories mit immer neuem Content veröffentlicht. Irgendwann wurde ich mir bewusst, dass ich keinen gesunden Umgang damit gefunden hatte. Gedanken und Pläne zur Erstellung von neuem Content waberten permanent in mir umher. Sicherlich auch unterbewusst. Ich dachte, dass wenn ich mit Social-Media-Content Geld verdienen würde, wäre das die perfekte Kombination von Leben und Arbeiten. Ich könnte unendlich lange nomadisch reisend leben und müsste nur meine Erlebnisse teilen und würde dazu noch viel Bestätigung und Anerkennung von außen / von Anderen bekommen. Und all das würde dann wohl mein Glück dauerhaft sicherstellen.

Nach einer Weile wurde mir allerdings folgendes sehr klar: Mein aktuelles Leben besteht zu großen Teilen aus dem Wechseln von Orten und dem Erleben von Natur und anderen Menschen. Wenn dieses Leben das Zentrum meines Geldverdienens werden würde, würde das Geld wohl den Großteil meines Lebens bestimmen. Ich würde also wahrscheinlich die Freiheit, die ich aktuell so schätze, verkaufen. Und darüber hinaus machte mich weder das leistungsorientierte Teilen in Social-Media-Plattformen noch die aus meiner Sicht oft nicht absichtslose digitale Interaktion wirklich glücklicher. Aus diesen Gründen entschied ich mich bis auf Weiteres meinem eigenen Rhythmus zu folgen und wieder primär meinen Blog zu nutzen. Dort oft längere Texte zu veröffentlichen macht mir viel Spaß und es fühlt sich gut an.

Was ich also eigentlich allen ans Herz legen möchte, ist: 

"Tu es und gebe dir Zeit für das Erfahren deiner Reise, deines Lebens und für dich selbst!"  

Roger: Wow! Schöner kann man ein Interview nicht beenden.

Ich danke dir für deine offenen Worte und Inspirationen. Das hat mich alles sehr beeindruckt. Und ich glaube viele Leser ebenfalls. Danke dafür! Und weiterhin viel tolle Erlebnisse und Begegnungen auf deinen Reisen!

Wer Benni weiterhin folgen möchte, findet seine Geschichten und Gedanken in seinem Blog: benni.rosinante.blog

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. marcpallasch sagt:

    Großartiges Interview.
    Gruß an Benni.

    Marc und Silke

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  2. wohnkabinen sagt:

    Danke euch! Viele Grüße Roger

    Gefällt mir

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